Klinische Kasuistik

Klinische Kasuistik

Von seltenen Erkrankungen sind Schätzungen zufolge in Deutschland etwa 4 Millionen Menschen betroffen. Ein Großteil der seltenen Erkrankungen (ca. 80%) sind genetisch bedingt oder mitbedingt, und dank moderner genetischer Technologien stehen heute deutlich mehr Möglichkeiten zur Verfügung, die Krankheitsursache in den betroffenen Familien herauszufinden. Ausgehend von einem genetischen Beratungsgespräch bieten wir an, in Familien mit mehreren Betroffenen einer seltenen Erkrankung, die mit der Routinediagnostik nicht aufgeklärt werden konnte, ggf. auf Forschungsbasis die genetische Ursache zu ermitteln. Hierbei kommen insbesondere moderne Sequenziertechnologien (z.B. Short und Long read genome sequencing), und weitere moderne Methoden wie die Optische Genomkartierung (Optical Genome Mapping, OGM) u.a. zum Einsatz.

Im Rahmen eines Graduiertenkollegs der Dr. Georg E. und Marianne Kosing-Stiftung wurde interdisziplinär zusammen mit den Kliniken/Abteilungen für Neurologie (Bergmannsheil/Heimer Institut) und Kinderheilkunde versucht, bei Patienten mit ungeklärten Muskelerkrankungen mit Hilfe moderner molekulargenetischer Methoden, Muskelbiopsieanalysen und „deep phenotyping“ eine Diagnose zu stellen bzw. die genetische Ursache zu ergründen. Hierbei gelang u.a. die Identifikation einer Inversion auf dem X-Chromosom, die das Dystrophin-Gen disruptiert, bei einem Patienten mit Duchenne-Muskeldystrophie (Erbe et al., 2023). Darüber hinaus wurde bei einem Patienten mit kongenitaler Myopathie eine intronische Variante in Kombination mit einer bekannt pathogenen Variante im RYR1-Gen als ursächlich identifiziert (Janßen et al., 2024). Derzeit werden, gefördert durch die Trettner-Stiftung, weitere Patienten mit ungeklärten Muskelerkrankungen untersucht.

Darüber hinaus wurde bei einem Patienten mit ungeklärter Entwicklungsstörung und neu aufgetretener balancierter Translokation zwischen den Chromosomen 5 und 6 mittels OGM nachgewiesen, dass die Bruchlinie auf Chromosom 5 das RASGRF2-Gen disruptiert, welches als neues potentielles Krankheitsgen herausgearbeitet wurde (Lederbogen et al., 2024). Der Einsatz von OGM bei Patienten mit syndromalen Erkrankungen wird derzeit weiter geprüft.

Ausgewählte Publikationen

Janßen S, Erbe LS, Kneifel M, Vorgerd M, Döring K, Lubieniecki KP, Lubieniecka JM, Gerding WM, Casadei N, Güttsches AK, Heyer C, Lücke T, Nguyen HHP, Köhler C, Hoffjan S. Compound Heterozygous RYR1 Variants in a Patient with Severe Congenital Myopathy: Case Report and Comparison with Additional Cases of Recessive RYR1-Related Myopathy. Int J Mol Sci. 2024 Oct 9;25(19):10867. doi: 10.3390/ijms251910867.

Lederbogen RC, Hoffjan S, Thiels C, Mau-Holzmann UA, Singer S, Yusenko MV, Nguyen HHP, Gerding WM. Optical Genome Mapping Reveals Disruption of the RASGRF2 Gene in a Patient with Developmental Delay Carrying a De Novo Balanced Reciprocal Translocation. Genes (Basel). 2024 Jun 19;15(6):809. doi: 10.3390/genes15060809.

Erbe LS, Hoffjan S, Janßen S, Kneifel M, Krause K, Gerding WM, Döring K, Güttsches AK, Roos A, Buena Atienza E, Gross C, Lücke T, Nguyen HHP, Vorgerd M, Köhler C. Exome Sequencing and Optical Genome Mapping in Molecularly Unsolved Cases of Duchenne Muscular Dystrophy: Identification of a Causative X-Chromosomal Inversion Disrupting the DMD Gene. Int J Mol Sci. 2023 Sep 28;24(19):14716. doi: 10.3390/ijms241914716.

Ansprechpartnerin
Prof. Dr. med. Sabine Hoffjan

Wissenschaftl. Mitarbeiterin

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